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Ja, es gibt Unternehmen, bei denen es verboten ist, den Vorstand, wenn man ihm z.B. auf dem Flur begegnet, anzusprechen... ja sogar zu grüßen, wenn er nicht zuerst grüßt!

In dieser Folge mache ich mir Gedanken dazu, welchen Effekt so ein Verbot auf die Geschwindigkeit der Kommunikation, die Art der Zusammenarbeit und die Produktivität haben kann.

Die Shownotes zu dieser Podcastfolge

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Ist es “erlaubt”, dass dich einer deiner Mitarbeiter einfach so anspricht?

Heute geht es nämlich um eine ganz ungewöhnliche Frage, die heißt: Du als Führungskraft, wie geht es dir? Darf dich einer deiner Mitarbeiter einfach so ansprechen im Unternehmen? Viele der Hörer werden jetzt wahrscheinlich sagen:

„Jetzt spinnt der Oliver total. Wieso sollen denn meine Mitarbeiter mich nicht ansprechen können?“

Da kann ich dir von einem Erlebnis der etwas besonderen Art erzählen. Ich habe von einem Unternehmen erfahren, ich werde nicht die Branche nennen, ich werde auf gar keinen Fall den Unternehmensnamen nennen. Es ist ein Unternehmen mit extrem vielen Filialen, das wirklich JEDER kennt. In dem Unternehmen gibt es diverse Vorstände und es gibt tatsächlich dort Filialen,  ja ich nenne es mal Filialen, in denen Vorstände sozusagen vorgesetzt sind, bei denen es absolut nicht erwünscht ist, den Vorstand anzusprechen. BÄMM!

Echt jetzt?

Als ich es das erste Mal gehört habe, habe ich mir gedacht: Was? Das kann doch nicht sein. Ich habe echt gedacht, das kann ich einfach nicht glauben. Aber das ist aus einer extrem verlässlichen Quelle. In diesem Unternehmen ist es nicht erlaubt, den Vorstand anzusprechen. Wenn man dem zum Beispiel in der Filiale auf dem Flur begegnet und der kommt einem entgegen, darf man ihn noch nicht einmal grüßen. Es sei denn, er grüßt einen zuerst, dann ist es erlaubt, ihn zu grüßen.

Ich weiß nicht, wie es dir geht, als ich das gehört habe, habe ich gedacht „Was? Das! Äh“ Genau! Also genau das habe ich gedacht. Das kann doch wohl echt nicht wahr sein. Ich darf noch nicht einmal grüßen, sondern ich darf nur maximal grüßen, wenn ich zuerst gegrüßt werde, geschweige denn ansprechen fachlich. Ich habe so gestaunt und hatte natürlich sofort Kopfkino im Kopf und habe gedacht: Wie kann denn das sein? Warum ist das so?

Ich habe mir ein paar Fragen gestellt, so zum Beispiel: Weiß der Vorstand eigentlich davon, dass es diese “Regel” gibt?

Natürlich ist die nicht irgendwo schriftlich festgehalten, das ist so ungeschriebenes Gesetz, das macht man nicht. Und ich habe mich gefragt: Weiß der Vorstand davon, dass er nicht angesprochen werden darf? Oder haben das im Zweifelsfall die ihm untergebenen Leute irgendwie so als Wunsch kolportiert? Das wäre nicht das erste Mal. Davon hatte ich schon in ein paar anderen Podcast-Folgen erzählt, dass ich so etwas auch bei einem anderen Unternehmen erlebt hatte, wo eine Führungskraft sozusagen die Mitarbeiter da drunter immer motiviert hat und immer gesagt hat „Das ist der absolute Wunsch, oberste Priorität des Vorstands und deswegen müsst ihr das machen und natürlich Urlaubssperre, Nachtschichten und Wochenende durcharbeiten, kein Problem, weil der Vorstand will das so“. Und auf einer Betriebsversammlung hat dann tatsächlich einer der Mitarbeiter mal den Vorstand angesprochen und hat gesagt „Uns wird immer gesagt, unser Projekt XYZ wird ja als oberste Priorität gekennzeichnet. Ist das wirklich so?“ Worauf dann der Vorstand sagte „Projekt XYZ kenne ich gar nicht“.

Das kann man sich alles nicht ausdenken.

Deswegen habe ich mich gefragt „Will der Vorstand das wirklich?“ Ich hatte bis jetzt noch keine Gelegenheit, ihn das zu fragen. Vielleicht ist es auch nur so, dass die Leute, die drum herum sind, ihn so abschirmen. Kann sein. Und er sich vielleicht fragt „Was habe ich den Leuten getan? Warum grüßen die mich nicht?“ Ich würde mich nicht wundern, kann bestimmt vorkommen. Wenn der Wunsch aber tatsächlich vom Vorstand kommt und er tatsächlich nicht angesprochen werden will, auch wenn man ihm mal durch Zufall irgendwo begegnet, frage ich mich: Warum ist das so? Hat der irgendwas zu verbergen? Oder will er vielleicht nicht unvorbereitet irgendetwas gefragt werden, wo er dann gerade keine Unterlagen dazu dabei hat oder das gerade nicht weiß, nicht beantworten könnte? Oder will er vielleicht ein bestimmtes Scheinbild aufrechterhalten? Der allwissende Vorstand, der vielleicht immer im Meeting als allwissend wahrgenommen wird, weil er natürlich immer auf jedes Meeting vorbereitet ist, vorbereitet wird, entsprechende Unterlagen hat et cetera, dann aber aus dem Zusammenhang gerissen vielleicht nicht sofort Antworten griffbereit hat, was natürlich eigentlich normal ist, weil bei dem Informationsdurchsatz, den manche Vorstände auf ihrem Schreibtisch haben, ist es schwierig bis unmöglich, das immer alles griffbereit zu haben inklusive alle Updates aus seinen Projekten et cetera. Aber vielleicht will er dieses Scheinbild irgendwie aufrechterhalten. Vielleicht arbeitet ihm auch irgendein Kommunikationschef zu, sage ich mal, der alle nach außen wirksame Kommunikation immer vorher vorbereitet, Reden schreibt, Statements schreibt et cetera, und dann ist sozusagen die Gewöhnung daran, dass die Qualität dieser Aussagen immer sein muss und die kriegt man nie aus dem Stehgreif einfach mal eben so hin auf dem Flur. Das, was ich manchmal erlebt habe, ist, dass Führungskräfte auch nur Menschen und manchmal einfach von Aufgaben überfordert sind, weil sich das eben so ergeben hat im Laufe der Jahre. Dann blickt man nicht mehr so ganz durch. Man ist mit einem Teil sicherlich tief drin, aber nicht immer global in allen Themen. Und dass es vielleicht so eine Art Überforderung ist, wo er dann denkt „Um Gottes Willen, das darf niemand mitbekommen, deswegen sprich mich besser nicht an, dann kann es nicht rauskommen“. Weiß ich nicht. Ich habe mich gefragt, warum will der das so.

Und dann habe ich mich gefragt:

Was hat dieses Vorgehen überhaupt für einen Effekt auf die Kommunikation allgemein im Unternehmen?

Wenn es heißt, du darfst den Vorstand nicht ansprechen, maximal Guten Tag sagen, wenn er Guten Tag sagt. Wie wirkt das Ganze dann da drunter? Wie verhält sich dann die nächste Führungsschicht unter dem Vorstand? Sagt die dann: Scheinbar ist das so gewünscht dieses Verhalten, deswegen verhalte ich mich meinen Mitarbeitern auch genauso gegenüber und die sollen mich auch nicht ansprechen und wenn sie mal ein Problem haben, dann können sie vielleicht mal einen Termin machen, bei der Assistentin und dann eine Eingabe oder vielleicht eine Entscheidungsvorlage machen. Vielleicht. Machen die nächsten Führungskräfte ihnen das nach? Und wenn dem so ist, macht die Führungsschicht da drunter das denen dann auch nach und wie führt das dann zu einer durchgängigen schnellen hierarchieunabhängigen Kommunikation? Na, eher nicht. Wie beeinflusst dieses Verhalten die allgemeine Kommunikationsstruktur im Unternehmen, habe ich mich gefragt. Und ich halte das für fatal. Dieses Unternehmen übrigens behauptet von sich, dass es agil unterwegs ist, was auch sicherlich gut ist. Aber manchmal steht so ein Label “Agil” oder “Wir sind agil” oder „Agiliät“ oder „Wir arbeiten jetzt hier nach Scrum“ dann überall drauf, aber wenn man manchmal reinguckt, ist es extrem hierarchisch und organisiert und dummerweise sehr langsam.

Hierarchien sind nicht schlimm, aber die Kommunikation rein entlang von Hierarchien…

Also ich bin kein Feind von Hierarchien, das wisst ihr ja, aber ich glaube, dass Kommunikation entlang von Hierarchie-Strukturen, NUR entlang von Hierarchie-Strukturen, oft extrem langsam ist. Und wenn man sich eins gerade nicht erlauben kann in dieser sich immer schneller drehenden und verrückter werdenden Welt, gefühlt, ist es, dass man einfach nicht langsam reagieren kann. Und wenn man seine Kommunikation so trimmt, dass sie nur über solche Wege funktioniert und eben im Zweifelsfall nicht agile Kommunikation möglich macht oder schnelle Kommunikation, schnelle Hinweise über Hierarchie-Ebenen hinweg, dann kriegt man, glaube ich, ein Problem. Und wenn ich sage “Glaube ich” meine ich eigentlich “Ich bin fest davon überzeugt, dass man da ein Problem kriegt”.

Geschwindigkeit ist keine Hexerei, aber oft extrem wichtig….

Die Welt da draußen ist extrem schnell. Man muss schnell auf Veränderung reagieren können. Und wenn man sich dann so eine Kommunikationsart im Unternehmen aufbaut, die extrem gehemmt ist und oft nur sehr formal funktioniert, glaube ich, geht das nicht. Und vor allen Dingen ist es ja noch viel abstruser, wenn das Unternehmen von sich behauptet, dass es agil ist und dann so ein Verhalten an den Tag legt. Das ist echt übel. Was ist dann zum Beispiel mit Mitarbeitern, die sich bewerben, weil sie nach außen hin sagen: Ein agiles Unternehmen, das ist super, die tragen das ja alles voraus. Die Bewerber kommen dann da rein und erleben eine Kommunikationskultur, die nicht wirklich agil ist, nicht hierarchieunabhängig. Also diese Folge besteht hauptsächlich aus Fragen an dich. Mich würde riesig interessieren, was DU für einen Eindruck davon hast, wenn du so etwas erfahren würdest? Wie ist das bei dir? Wie ist der Kontakt zum Vorstand oder zur Geschäftsführung? Zur obersten Heeresleitung wie manche Leute immer sagen in Anführungsstrichen. Wie ist denn das? Wenn du denen begegnest, kannst du dann einfach mal Hallo sagen und “Haben Sie vielleicht mal eine Minute? Ich habe mal eine Frage?“ Ist das möglich? Und wenn das nicht möglich ist, warum ist das nicht möglich? Und wenn du Führungskraft bist, hier hören ja extrem viele Führungskräfte zu, wie ist das bei dir? Hast du immer ein offenes Ohr? Dürfen deine Mitarbeiter dich jederzeit ansprechen? Gibt es bei euch so etwas wie eine Open Door Policy? Da gibt es die lustigsten Tendenzen. Irgendwann sagt man “Wir sind jetzt ganz locker”, schon verschwinden Krawatten, aber es ändert sich am Verhalten oft nicht viel. Oder “Wir sind jetzt ganz agil”, dann werden Räume bunt gestrichen und es gibt Kicker und es gibt bunte Sessel, aber das Verhalten ändert sich nicht so richtig. Das ist manchmal nur Makulatur und eigentlich sehr schade.

Ist die Open Door Policy bei euch eher Makulatur, oder…

Diese Open Door Policy „Wir haben immer offene Türen, jeder kann hier reinkommen“ trotzdem erlebe ich es manchmal, dass es eben nicht so ist, dass die Türen zwar offen sind, die Leute sich aber innerlich abschirmen und natürlich geht man da nicht rein. Das ist natürlich offen, aber man stört natürlich nicht. Das ist nicht zu verallgemeinern. Es gibt auch Unternehmen, die das extrem gut hinkriegen, die sagen „Wenn die Tür auf ist, komm reingepoltert, kein Problem. Wenn ich mich konzentrieren muss, ist die Tür zu, lass mich in Ruh”. Oder in Großraumbüros „Ich muss mich jetzt konzentrieren, ich habe einen Kopfhörer auf, kann jeder sehen”. Oder diese Wäscheklammer, die ich mal erwähnt hatte, die in manchen Unternehmen sich Leute ans Revers klemmen, um zu sagen „Lieber Kollege, ich denke gerade. Nicht stören jetzt bitte”. Es gibt ja alles Mögliche. Frag dich mal, wenn du Führungskraft bist, wie ist denn das bei dir? Darf da jeder einfach auf dich zukommen? Darf auch ein Untergebener deiner Untergebenen einfach so auf dich zukommen und etwas fragen, eine Anmerkung machen et cetera? Das würde mich echt interessieren. Wenn du jetzt denkst „Ich kann nicht immer gestört werden” stimmt das, sicherlich, klar. Aber gibt es allein die Möglichkeit? Das fände ich ziemlich spannend, mal mit dir zu diskutieren.

Wie empfindest du das als Füphrungskraft…

Wenn du Geschäftsführer oder Vorstand bist und hier zuhörst, frage ich mich einfach, wie findest du das? Wie erscheint dir dieses Gefühl, wenn man dich nicht ansprechen dürfte, weil es dieses ungeschriebene Gesetz gibt? Wie findest du das und ist dieses Verhalten irgendwie sinnvoll deiner Meinung nach? Deine Meinung würde mich echt RIESIG interessieren. Also ich freue mich auf deine Meinung. Schick mir einfach eine Mail an podcast@ihre-kundenbrille.de oder ruf mich einfach an. Meine Telefonnummer findest du unter ihre-kundenbrille.de/kontakt. Das war es auch schon. Eine schnelle Folge, ein schneller Ritt mit vielen, vielen Fragen und ich würde gerne mit dir in die Diskussion kommen. Also melde dich doch einfach mal. Ich freue mich auf dich und sage bis bald.

Dein Oliver

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