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Ja, ich bin Chemiker, ja, ich habe über chemische Reaktionen promoviert... In dieser Folge verrate ich dir, was du für dein Unternehmern von der technischen Chemie lernen kannst 🙂

Du hast keine Vorstellung, was ein Reaktor, dein Gasgrill, ein Kuhstall und kuschelige Wolldecken mit dem Erfolg deines Unternehmens zu tun haben können? Nein? Dann solltest du dir unbedingt diese Folge anhören... Viel Spaß 🙂

Die Shownotes zu dieser Podcastfolge

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Was hat das Ganze denn mit Technischer Chemie zu tun?

Hallo, schön, dass du wieder dabei bist. Mich freut, dass du wieder zuhörst. Und ich habe ja gerade schon gesagt, heute geht es darum, was du als Unternehmer, oder was du mit deinem Unternehmen von der technischen Chemie lernen kannst. Und bevor ich dir verrate, was das ist, erzähle ich dir mal kurz, wie ich überhaupt auf dieses Thema gekommen bin. Ich habe dir ja schon mal erzählt, dass ich Chemiker bin. Und in meinem Grundstudium habe ich relativ schnell festgestellt, dass mich nicht so richtig theoretische Aspekte, oder ich sage mal, sogar fast philosophische Aspekte der Chemie begeistern konnten. Also da gibt es echt Disziplinen, die beschäftigen sich mit Sachen, die sind so nah an der Philosophie, sage ich mal. Das war jedenfalls nicht meins. Mich haben eher so die wirklich praktischen Dinge interessiert. Und deshalb habe ich mich dann relativ schnell spezialisiert auf das Fach Technische Chemie. Das ist so ähnlich wie Verfahrenstechnik, wenn ihr aus dem Ingenieurwesen kommt. Also da geht es halt immer darum, große Produktionsverfahren zu verbessern. Man berechnet Rohrleitungen. Man kümmert sich darum, wie groß muss ein Rührer in einem großen Behältnis sein, damit das alles gut vermischt wird. Wie groß sind Reaktoren? Wie dickwandig? Welche Temperaturen herrschen wo et cetera, relativ technisch, deswegen technische Chemie. Aber es geht halt immer darum, sozusagen effizient Dinge herzustellen, Chemiekalien herzustellen, nicht im Sinne von, hu böse Chemikalien, sondern Chemikalien im allgemeinen. Also, ich habe mich dann relativ schnell auf diese besondere Teildisziplin der Chemie gestürzt, wo es eben darum geht, so Reaktionsverhalten bei der Produktion von Kunststoffvorprodukten zu optimieren, also die, die im Millionentonnen-Maßstab hergestellt werden. Und meine Aufgabe war es, eine Methode zu finden, um diese Substanzen energie- und rohstoffsparend da zu erzeugen, könnte ich mal im weitesten Sinne sagen. Ja. Und das besondere, also meine Doktorarbeit, die gibt es heute noch bei  Amazon, habe ich gerade noch geschaut, ganz erstaunlich. Und die hat den total griffigen Titel, ich lese mal vor. Die Kinetik der Ammoxidation von Propan zu Acrylnitril an Vanadium, aluminium-modifizierten, nein stimmt gar nicht, an wolfram-aluminium-modifizierten Vanadium-Antimonoxid-Katalysatoren. Ja. Ein schmissiger Titel, aber darum geht es auch gar nicht. Es ist ja auch schon fast 20 Jahre her. Also, hört sich alles recht kompliziert an. Aber eigentlich ging es nur darum, ein Grundstoff für die Kunststoffindustrie zu bauen, nämlich Acrylnitril. Der wird verwendet, um ABS-Kunststoffe zu machen, Acryllacke. Da ist der halt drin. Kunstfasern, diese flauschigen Wolldecken, die man manchmal irgendwo so kennt, wenn man draußen im Café sitzt, und es ist schon langsam Herbst. Die sind meistens aus Polyacryl, also aus dem Kunststoff, der genau aus dieser Chemikalie gemacht wird. Ja. Das ist relativ simpel. Man nimmt einfach verschiedene Ausgangsstoffe. Propan, kennt ihr alle wahrscheinlich aus dem Feuerzeuggas. Oder wenn ihr einen Gasgrill habt, da ist meistens eine Mischung aus Butan und Propan drin. Man nimmt Sauerstoff, kennt ihr alle aus der Luft. Und man nimmt Ammoniak, kennt ihr wahrscheinlich aus dem Kuhstall. Da riecht es dann manchmal so danach. Die drei Sachen nimmt man zusammen, leitet die in ein Rohr, mischt die durch und schickt die in einen bestimmten Reaktor, in dem ein Katalysator drin ist. Das wird jetzt aber echt zu weit, mit einem bestimmten Mischungsverhältnissen und probiert dann verschiedene Temperaturen aus und leitet das Ganze in einen Reaktor und guckt einfach, was kommt hinten raus? So einfach hört sich das an. Ja. Also Reaktor, wenn da jetzt manche Leute sagen, hu der Ratajczak, ein Reaktor, ist ja ganz schlimm. Das ist ja echt böse. Nein, das ist nicht wirklich böse. Also bei Reaktor muss man nicht immer an Atomreaktor denken oder Tschernobyl oder andere totale Katastrophen. Reaktor ist einfach nur ein abgeschlossener kleiner Raum, in dem eine Reaktion stattfindet. Das kann irgendwas total Triviales sein, kann im Zweifelsfall aber auch eine Kernschmelze sein. Das wollen wir aber alle nicht. Also, mein Reaktor war auch nicht so ein riesenübles großes Ding, sondern der war so ungefähr so groß wie ein Fingerhut. Der bestand aus Glas. Und der steckte dann in einem Sandbett, was beheizt wurde, Sandwirbelschicht, falls es jemanden interessiert. Meine Aufgabe in der Doktorarbeit beruhte dann darauf, die ganzen Daten, die ich dabei aufgenommen habe, mathematisch beschreiben zu können. Also für den Laien, sage ich mal, ich habe eine mathematische Formel aufgestellt, die das Verhalten in Abhängigkeit von Sauerstoff-, Ammoniak- und Propanverhältnis und Temperatur beschreibt. Für den eher mathematisch Interessierten handelt es sich dabei um Differentialgleichungssysteme aus 27 Unbekannten, das ich mit einem kinetischen Algorithmus gelöst habe. Zack. Fertig. Dreieinhalb Jahre rum. Darum geht es gar nicht. Also ich habe nur einfach eine mathematische Formel aufgestellt und optimiert, mit der man das Reaktionsverhalten beschreiben konnte. Und warum erzähle ich euch das alles? Na ja, das ist genau das, was jeder Unternehmer aus der technischen Chemie lernen sollte. Es geht um das sogenannte Bilanzieren. Wenn du jetzt sagst, Bilanzen, bilanzieren, Buchhaltung, Rechnungswesen, Steuer, uha, ich renne weg. Keine Angst. Das geht bei mir in diesem Fall jetzt nicht um das Finanzielle, Bilanzen und das finanzielle Bilanzieren, sondern eher um eine Art ganzheitliche Betrachtung. Also noch mal zurück zu meinem Reaktor. Wenn man in den Berechnungen eine sogenannte Bilanz aufstellt, typisch in der technischen Chemie, dann definiert man vorher einen bestimmten Raum. Also ich habe als Raum meinen Reaktor genommen, dieses fingerhutgroße Ding und habe mir angeschaut rein mathematisch, was geht da rein? Und was geht da raus? Kein einziges Atom kann zwischendurch verlorengehen. Also ich schicke vorne welche rein, 17 Stück. Hinten müssen 17 wieder rauskommen. Wenn nur 16 rauskommen, ist in der Mitte irgendein Quatsch passiert. Und man hat da vielleicht eine Sauerei und muss den Reaktor wieder saubermachen, weil da irgendwas drin klebt. Ihr glaubt nicht, was ich da alles erlebt habe. Aber darum geht es nicht. Weil das sind auch nicht 17, sondern natürlich viel, viel mehr und größere Zahlen. Aber es geht mir darum, zu sagen, definiere mal so einen Bilanzraum. Und gucke dir mal genau an, was geht rein? Was geht raus? Und genau das kann man auch im Unternehmen tun. Nämlich einen Bilanzraum definieren sozusagen. Na ja, welche Aufwände stecke ich in meine Firma? Was kommt raus? Als Output könnte man so nehmen. Das Problem, was ich aber oft in Unternehmen sehe, ist, dass Führungskräfte den Bilanzraum eben nicht weit genug stecken. So Bereichsleiter ziehen ihren Bilanzraum, auf dem sie immer genau gucken und immer sagen, oh das ist mein Ding. Da muss ich aufpassen. Den ziehen sie meistens so genau um den Bereich. Abteilungsleiter ziehen ihren Bilanzraum rund um ihre Abteilung und betrachten dann, welche Kosten verursache ich? Und was bringt das? Vollkommen losgelöst von den anderen Organisationseinheiten. Und dabei ist es doch eigentlich für das Unternehmen gar nicht so interessant, ob in einer Abteilung oder in einem Bereich alles prima läuft, sondern „eigentlich“, und dieses eigentlich setze ich mal in Anführungsstrichen. Ist es doch wichtig, dass das gesamte Zusammenspiel im gesamten Unternehmen funktioniert, und zwar auch noch mit den Schnittstellen zwischen Abteilungen, Bereichen und Tochterunternehmen. Das ist übrigens mit diesem Bilanzraum übrigens genau dasselbe wie mit der Erde. Also wenn man die Erde zum Beispiel mal als Reaktor betrachtet, also praktisch Erde, worauf wir so leben, dann gibt es da drum herum eine Luftschicht, vielleicht noch ein wenig Ozonschicht, hoffentlich ein bisschen mehr. Und das kann man sozusagen als Reaktor betrachten. Und wenn man sich dann vorstellt, man macht auf der einen Seite der Erde Mumpitz, hat das einen Effekt auf den anderen. Wenn man natürlich sagt, wir in unserem Land machen da keinen Mumpitz. Deswegen ist hier alles gut, hilft das aber gesamtheitlich auf den Reaktor betrachtet nicht so gut. Deswegen bitte immer, macht euren Bilanzraum ziemlich groß, und zwar so groß, dass er nach Möglichkeit euer gesamtes Unternehmen umfasst, damit ihr eben auch alle Tochterunternehmen, Abteilungen, Bereiche und vor allen Dingen die Schnittstellen dazwischen drin habt und auch anguckt. Ja. Also deshalb meine Bitte, wenn du das nächste Mal denkst, hey, läuft alles prima bei mir, frage dich mal, ob es nur prima bei dir läuft, also in deiner Abteilung oder in deinem Team oder in deinem Bereich oder in einem Tochterunternehmen, für das du verantwortlich bist oder vielleicht in einem ganzheitlichen Unternehmen. Und na ja, das war jetzt sozusagen das Wort zum Sonntag und mein Plädoyer für eine ganzheitliche Betrachtung von Unternehmen, weil ich glaube, das kann man zum Beispiel aus der Verfahrenstechnik, technische Chemie lernen. Mache deinen Bilanzraum so, dass er Sinn macht. Ziehe deine Bilanz, Bilanzraumgrenze sozusagen einfach mal an der Außenkante und mache nicht irgendwie so künstliche Barrieren und ziehe das irgendwie so hier und sage, bei mir ist alles gut. Da hinten ist mir egal, sondern es muss alles zusammenspielen. Und nach meinem Verständnis ist es auch vollkommen legitim, dass du den Bilanzraum für dein gesamtes Unternehmen genau da ziehst, wo der Kunde ihn ziehen würde. Also wenn du jetzt zum Beispiel ein Unternehmen bist, ein Konzern oder arbeitest in einem Konzern. Und dein Unternehmen hat mal eben 150 einzelne Gesellschaften, GmbHs, die es da irgendwie so draußen gibt, und bei denen steht dann immer davor, keine Ahnung, ihr seid die Unternehmer AG. Und dann gibt es die Unternehmen Vertriebsgesellschaft mbH, die Unternehmen Immobilien mbH, die Unternehmen bla mbH, 150 Stück, 200. Da gibt es die lustigsten Konstrukte, wo echt keiner mehr durchblickt im Unternehmen, wo es tatsächlich auch in Unternehmen vorkommt, wo niemand eine aktuelle Liste direkt hervorzaubern kann und kann sagen, das sind unsere Gesellschaften, sondern die verschwinden dann erstmal in der Leselupe in der Aktenkammer. Habe ich alles erlebt. Diese Aufsplitterung kann aus steuerrechtlichen Gründen und auch sonstigen Gründen rechtlicher Art total sinnvoll sein, geschenkt. Aber wenn du dir Gedanken über dein Unternehmen machst, verlasse dich da nicht darauf und sage nicht, ich bin hier in dem Unternehmen Immobilien Südwest GmbH. Bei mir ist alles super. Das hilft dem gesamten Unternehmen nicht. Also, nach meinem Verständnis, ziehe doch mal den Bilanzraum für dein Unternehmen genau da, wo der Kunde ihn ziehen würde und aus Kundensicht seid ihr im Zweifelsfall die Unternehmen AG. Und dem ist Jacke wie Hose, ob du zu Unternehmen Vertriebs GmbH gehörst oder zu Unternehmen Kundenservice GmbH oder zu neu outgesourcten Unternehmen, Callcenter, Turkmenistan GmbH, wie auch immer. Das ist dem Jacke wie Hose. Ihr seid die Unternehmen AG. Das ist genau das, was im Fernsehen sozusagen steht. Das ist euer Logo. Das steht da überall drauf. Und für den seid ihr das Unternehmen, die Unternehmen AG. Und denke doch mal darüber nach, wo würde der Kunde den Bilanzraum ziehen? Und wenn ich jetzt dafür sorge, dass in meinem kleinen, in Anführungsstrichen, Tochtergesellschaft, Bereich, Abteilung oder meinem Team alles gut ist, würde den Kunden das interessieren, wenn es dem zum Beispiel im Kundenkontakt auf die Füße fällt, oder eher nicht? Also, mein Plädoyer ist gleich abgeschlossen, keine Angst. Denke mal darüber nach, wo ist dein Bilanzraum? Worum müsst ihr euch kümmern? Kümmert euch darum, dass es ganzheitlich ist, dass das ganze Unternehmen betrachtet wird und feuert nicht vorne hunderte von Millionen in Fernsehkampagnen raus, um neue Produkte zu bewerben, die im Zweifelsfall der Vertrieb noch gar nicht gesehen hat. Und deswegen, wenn der Kunde dann da aufschlägt, nur große Augen macht und sagt, das Produkt kenne ich noch gar nicht. Was soll das denn? Oder Kunden, die in einem Callcenter aufschlagen, was dauernd überlaufen ist, wo er ewig in Hotlines hängt und einfach keinen Kontakt zum Unternehmen bekommt, wenn er ein Problemfall hat. Denkt mal einfach ganzheitlich. So. Ich sage mal, das war jetzt mein Wort zum Sonntag. Ich würde mich total freuen über dein Feedback. Wenn du mir dazu ein bisschen deine Meinung sagst, am besten unter Podcast(at)ihre-kundenbrille.de. So, jetzt wünsche ich dir einen wunderschönen Tag und sage mal, bis bald. Dein Oliver.

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